Die zehn häufigsten Missverständnisse bei Krebs

Bild Nr. 7 zum Artikel Die zehn häufigsten Missverständnisse bei KrebsDer Arzt sagt „Tumor“, der Patient versteht «Tod» – und denkt, dass Stress der Grund ist. Mit solchen Irrtümern will ein Onkologe aufräumen. «Wenn ein Patient erfährt, dass er einen Tumor hat: Wie lange kann er sich im Gespräch mit dem Arzt konzentrieren?», fragt der Krebsspezialist Miklos Pless, und gibt die Antwort: «Zwei Minuten.» Die wenigsten Patienten seien in dieser Situation in der Lage, länger aufzupassen, weiss Pless aus zehnjähriger Erfahrung. Der Onkologe war einer der Referenten an den Winterthurer Tumortagen, an denen Ende letzter Woche rund 200 Krebspatienten und Angehörige teilnahmen. In seinem Workshop ging der Leiter des Tumorzentrums am Kantonsspital Winterthur auf die zehn häufigsten Irrtümer ein.
Missverstehen und Verschweigen.
«Der Arzt sagt Tumor, und der Patient hört Tod.» Um solche Missverständnisse zu vermeiden, rät Pless, nachzufragen: «Sprechen Sie aus, was Sie hören!» Und er empfiehlt Behandelnden und Patienten, ehrlich miteinander zu sein. Zum Beispiel würden es manche Patienten ihrem Arzt verschweigen, wenn sie irgendwo Schmerzen haben – aus Angst, dass dies schlechte Nachrichten oder Untersuchungen nach sich ziehen könnte. Von seinen Kollegen erwartet der Onkologe umgekehrt, dass sie die Patienten unterstützen, wenn diese eine Zweitmeinung hören möchten.
Krebspersönlichkeit.
Psychische Faktoren lösen Krebs aus, glauben viele Menschen. Das ist erwiesenermassen falsch. «Und dieses Vorurteil ist letztlich eine Schuldzuweisung», kritisiert der Spezialist. Den Verlauf der Krankheit könnten psychische Faktoren aber schon beeinflussen: Hoffnungslosigkeit wirke negativ, ein gutes soziales Netz dagegen positiv. Der oft beschworene Kampfgeist spiele hingegen keine Rolle, so Pless. Psychotherapie vermöge bei Krebspatienten und ihren Angehörigen die Lebensqualität zu heben, nicht aber die Überlebensrate.
Umweltverschmutzung und Stress.
Viele Betroffene haben die Umweltverschmutzung, Stress und seelische Probleme als Grund für ihre Krankheit im Verdacht. Weitaus bedeutsamer aber sind andere Faktoren. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind ein Drittel der Krebserkrankungen auf den Tabakkonsum zurückzuführen, so Pless. «Wenn wir nicht rauchen würden, wäre Krebs eine deutlich seltenere Krankheit.» Auf das Konto falscher Ernährung würden sogar mehr als ein Drittel der Krebserkrankungen gehen.
Infiltration, Zerstörung, Ableger.
Typischerweise zeichnen sich bösartige Tumoren durch drei Dinge aus: Sie dringen in die umliegenden Gewebe ein, wachsen zerstörerisch, und sie setzen Tochtergeschwülste. Eingeteilt werden Krebskrankheiten gemäss dem «TNM»-Schema: Die Zahl hinter dem «T» gibt die Tumorgrösse an, diejenige nach dem «N», ob und wie viele Lymphknoten (Nodus lymphaticus) befallen sind. «M–1» oder «M–0» bedeutet, dass Ableger vorhanden sind oder nicht.
Metastasen.
«Ableger in den Knochen bei Brustkrebs sind kein Knochenkrebs!» Der Krebs werde immer nach dem Ort benannt, von dem er stamme und nicht nach dem, wo er Ableger gebildet habe, erläutert Pless. Der Ursprungsort ist massgebend für die Behandlung: Brustkrebs, der in den Knochen metastasiert habe, lasse sich zum Beispiel oft mit einer Hormontherapie angehen. «Knochenkrebs dagegen lacht, wenn er Hormone sieht.»
Kurative oder palliative Therapie.
Bestehe Aussicht auf eine Heilung, sei eine aggressive, kurative Behandlung gerechtfertigt. Ist eine Heilung nicht mehr möglich, sei das Ziel der Therapie die Palliation, also die Linderung von Beschwerden. Dann stehe die Lebensqualität des Kranken im Vordergrund. «Das muss man fair mit dem Patienten besprechen.» Was die Behandlung betreffe, entscheide letztlich der Patient: Der Kranke sei der Kapitän und der Arzt der Steuermann, findet Pless.
Chemotherapie.
Warum kombinieren die Ärzte verschiedene Wirkstoffe? «Weil der Tumor links oben ein ganz anderer sein kann als der rechts unten», legt Pless dar. Die Zellen in einem Tumor seien verschieden, damit auch unterschiedlich angreifbar. Überdies lasse sich mit einer Kombination die Giftwirkung begrenzen: Manche Medikamente wirken auch aufs Knochenmark, andere auf das Herz oder die Nerven. In Kombination sollen alle zusammen die Tumorzellen maximal schädigen, aber die gesunden Organe nur so weit, dass sich diese wieder regenerieren können.
Kontrolle.
Wie oft soll man zur Früherkennung oder zur Nachkontrolle gehen? Häufige Untersuchungen «bringen nur etwas, wenn man auch eine gute Behandlungsmöglichkeit hat», legt Pless dar. Werde ein Tumor dank einer Untersuchung zwar früh erkannt, sei aber letztlich nicht heilbar, verlängere die Früherkennung nur die Lebensspanne mit der Diagnose.
Studien.
Ob ein Wirkstoff besser ist als der andere, lasse sich nur mit Studien beurteilen, bei denen die Patienten per Los einer Behandlungsgruppe zugeteilt werden. Solche «randomisierten» Studien hält Pless für unerlässlich, denn «wir müssen besser werden». Mit sehr wenigen Ausnahmen in den letzten Jahren hätten sich alle so getesteten, neuen Medikamente gegenüber den bisherigen als mindestens ebenbürtig erwiesen, häufig auch als Fortschritt, fasst er zusammen. «Es ist also kein Nachteil für einen Patienten, an einer klinischen Studie teilzunehmen.»
Todesrate.
Wird Krebs immer tödlicher? «Nein», sagt Pless. Die Statistiken zeigen vielmehr, dass die Sterblichkeit seit etwa Anfang der 90er-Jahre leicht zurückgeht. (Tages-Anzeiger)
Quelle: Martina Frei, BZ-online, Erstellt: 09.02.2009
 

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